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Interview mit Dr. Magnus Hjort Kultur ist Verteidigung: Vertrauen, Identität und kognitive Kriegsführung in Russlands Krieg gegen die Ukraine

Ein bombardiertes Museum, ein zensiertes Archiv, ein viraler „Geschichtsunterricht“ als Propagandaclip: Seit 2022 ist Kultur eine Frontlinie in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Was treibt diese Instrumentalisierung von Erinnerung und Erbe an? Wo endet Gedenken, wo beginnt Manipulation, Resilienz oder Mythenbildung? Und welche Rolle spielen kulturelle Institutionen beim Wiederaufbau, wenn Debatten um Netze, Governance und Fördermittel kreisen?

Dr. Magnus Hjort, Generaldirektor der schwedischen Behörde für psychologische Verteidigung.

Dr. Magnus Hjort, Generaldirektor der schwedischen Behörde für psychologische Verteidigung.

Dr. Magnus Hjort, Generaldirektor der schwedischen Behörde für psychologische Verteidigung.

Diesen Fragen sind wir gemeinsam mit Dr. Magnus Hjort nachgegangen. Hjort wurde im April 2021 von der schwedischen Regierung mit dem Aufbau der schwedischen Behörde für psychologische Verteidigung (Myndigheten för psykologiskt försvar) beauftragt und ist seit September 2023 deren Generaldirektor. Er promovierte an der Universität Stockholm in Geschichte mit Forschungsschwerpunkt Kalter Krieg sowie Sicherheits- und Militärgeschichte und ist Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie der Kriegswissenschaften.

Cultural Guardians setzt genau bei Dr. Hjorts Argument an: Kultur ist kein Beiwerk, sie ist Verteidigung. Das Programm bringt ukrainische Fachkräfte aus Museen, Denkmalpflege und Archiven mit Partner*innen in Polen und Deutschland zusammen. Ukrainische Kolleg*innen werden im Umgang mit konfliktbelasteter Geschichte und gefährdeten Sammlungen geschult; deutsche und polnische Kolleg*innen lernen von der ukrainischen Erfahrung, Institutionen unter Beschuss weiter arbeitsfähig zu halten. Der Austausch verläuft bewusst in beide Richtungen und wirkt über das Programm hinaus fort – als dauerhaftes ukrainisch-polnisch-deutsches Netzwerk von Menschen, die die Institutionen der jeweils anderen aus eigener Erfahrung kennen.

Am 18. September 2026 wird das Gespräch persönlich fortgesetzt: Dr. Hjort nimmt im Rahmen von Cultural Guardians an einer öffentlichen Debatte zu Kultur versus Desinformation im Humboldt Forum in Berlin teil.

Das Interview entstand in Kooperation mit der OBMIN Stiftung im Rahmen von Cultural Guardians: A Cross-Border Cultural Heritage Program und zeigt, warum Kultur weit mehr ist als Beiwerk: ein Instrument der Resilienz, der Deutung und der Verteidigung demokratischer Gesellschaften.

Screenshot eines Interviews

Das vollständige Interview mit Dr. Magnus Hjort

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Screenshot of the interview

Full interview with Dr Magnus Hjort

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Das vollständige Interview mit Dr. Magnus Hjort lesen Sie im Folgenden. Zusätzlich steht es als PDF zum Download bereit:

Sie leiten Schwedens Behörde für psychologische Verteidigung, eine Institution, die den Informationsraum einer Gesellschaft schützen soll. Warum gehört Kultur in dieses Gespräch, neben der Cyberabwehr und dem Monitoring von Desinformation?

Der Zweck der psychologischen Verteidigung ist es, die offene und demokratische Gesellschaft, die freie Meinungsbildung sowie Schwedens Freiheit und Unabhängigkeit zu schützen. Psychologische Verteidigung ist die kollektive Fähigkeit einer Gesellschaft, sich böswilligen ausländischen Informationseinflussnahmen gegen Schweden zu widersetzen. Dieser gezielte Versuch, eine freie und demokratische Gesellschaft zu schädigen und unser Denken und Verhalten zu beeinflussen, ist Teil der kognitiven Kriegsführung, die wir heute erleben.

Kultur ist ein wesentlicher Teil der Gesellschaft und wirkt auf vielen Ebenen. Auf Basis unserer Geschichte und unseres Erbes ist Kultur lebendig und verändert sich ständig. Sie gibt uns Würde und macht uns zu einem großen Teil erst menschlich. Und deshalb ist sie es wert, verteidigt zu werden. Sie hat einen großen Wert beim Aufbau unserer Resilienz.

Historisch haben wir gesehen, wie Kultur zum Ziel im Krieg wird. Ein Beispiel ist die systematische Zerstörung kultureller Stätten durch die Taliban in Afghanistan vor etwas mehr als 20 Jahren. Wir haben es in den Kriegen der 1990er-Jahre in Jugoslawien gesehen, und wir sehen es in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Die UNESCO berichtet, dass mit Stand 29. Juli 2026 545 Kulturstätten als beschädigt bestätigt wurden: 281 Gebäude von historischem und/oder künstlerischem Interesse, 156 religiöse Stätten, 43 Museen, 33 Denkmäler, 22 Bibliotheken, 5 archäologische Stätten, 5 Archive. Die Angriffe auf das kulturelle Erbe der Ukraine sind meiner Überzeugung nach systematisch und ein wesentlicher Bestandteil der Kriegsführung, die Russland gegen das Land richtet.

Ein Krieg in Schweden würde sehr wahrscheinlich Angriffe auf unser kulturelles Erbe mit sich bringen. Gebäude, Denkmäler und Objekte, die uns lieb und teuer sind, die wichtig für unsere Geschichte und unsere Identität sind, würden zu Zielen. Und das nicht nur mit konventionellen, kinetischen Methoden, sondern auch durch Propaganda und Desinformation, die Narrative über das kulturelle Erbe angreifen. Angriffe auf Kultur und Geschichte sind Teil moderner hybrider Kriegsführung.

Russland instrumentalisiert Geschichte und Erinnerung oft, um alte Narrative wiederzubeleben und heute Spaltung zu schüren. Können Sie konkrete Beispiele geben, wie das funktioniert und warum kulturelle Institutionen gezielt angegriffen werden und nicht nur Kollateralschaden sind?

Vor fünf Jahren schrieb Wladimir Putin: „Um die Gegenwart besser zu verstehen und in die Zukunft zu blicken, müssen wir uns der Geschichte zuwenden.“ („Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“, 12. Juli 2021.) Was Putin damit im Grunde sagte, war: „Ich werde Geschichte so nutzen, wie es mir passt, um die heutigen Narrative so zu konstruieren, dass ich die Zukunft nach meinem Willen gestalten kann.“

Für mich klingt das sehr nach dem, was George Orwell vor mehr als 75 Jahren in seinem Buch „1984“ schrieb: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Der Kreml nutzt Geschichte, um Aggression und Krieg zu rechtfertigen, Kultur und Sprachen auszulöschen, unsere Verteidigung zu schwächen und vergangene Ereignisse passend zur eigenen Agenda umzuschreiben. Geschichte wird genutzt, um die früheren Imperien Russlands und der Sowjetunion samt ihrer Interessenssphären zu legitimieren – ebenso wie die heutigen russischen imperialistischen Ambitionen.

Ein Beispiel sind die Fälschungen rund um die Ereignisse in Katyn und Umgebung in der Sowjetunion im Jahr 1940. Die Massengräber wurden im April 1943 von Nazi-Deutschland entdeckt, und die Alliierten übernahmen damals die sowjetische Darstellung, wonach deutsche Truppen diese 22.000 Polen ermordet hätten. Doch nachdem es der Kreml jahrzehntelang bestritten hatte, räumte er 1990 ein, dass sowjetische Geheimdienstkräfte die 22.000 Polen erschossen hatten. Noch 2010 verurteilte das russische Parlament dieses Kriegsverbrechen, doch heute weht ein anderer Wind.

Im April 2023 veröffentlichten russische Staatsmedien, der russische Geheimdienst habe einzigartiges Archivmaterial gefunden, das die deutsche Schuld belege. Tatsächlich handelte es sich um dieselben Fälschungen, die bereits in den 1940er-Jahren veröffentlicht worden waren und nun erneut als Beweis dafür dienten, dass Deutsche die Täter gewesen seien. Es geht darum, sich selbst zu entlasten und die sowjetische Schuld an den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und Stalins Verbrechen loszuwerden, um ein Imperium wiederherstellen zu können.

Das gilt auch für russische Narrative über das sowjetische Vorgehen gegen die baltischen Staaten während des Zweiten Weltkriegs. Wenn die baltischen Staaten – völlig zu Recht – von einer Besatzung sprechen, nennt Russland dies eine „Befreiung“.

Auf diese Weise wird Geschichte genutzt, um die russische Bevölkerung, aber auch pro-russische Gruppen im Westen davon zu überzeugen, dass die sowjetische Aggression im Zweiten Weltkrieg gerechtfertigt und im Einklang mit dem Völkerrecht erfolgt sei. Um damit durchzukommen, muss Russland die Wissenschaft, Museen, Bibliotheken und Archive kontrollieren. Geschichte darf jedoch niemals zu einem Werkzeug autoritärer Regime werden, um die Vergangenheit umzuschreiben und damit die Zukunft zu diktieren. Geschichte und kulturelles Erbe sollten offen für transparente und freie Debatte bleiben, so wie sich universelles Wissen durch neue Erkenntnisse und Forschung weiterentwickelt.

Die Ukraine musste unter realem Kriegsdruck Resilienz aufbauen. Was ist eine Lehre aus der Erfahrung der Ukraine, die Ihrer Meinung nach weit über den Kultursektor hinaus gilt – etwa für Kommunen, Zivilgesellschaft oder Wirtschaft?

Wie bereits erwähnt, sind Kultur und kulturelles Erbe ein wichtiger Baustein für den Aufbau von Resilienz und dafür, Menschen in den schwierigsten Zeiten zusammenzubringen. Genau das hat sich die Ukraine zu Herzen genommen. Wenn U2 nach Kyjiw kommt und in einem Luftschutzkeller, der eigentlich eine Metrostation ist, ein kleines Konzert gibt, trägt das zum Aufbau von Resilienz bei. Ich finde, das sagt viel darüber aus, was Kultur für uns bedeutet, sowohl im Alltag als auch in den schwierigsten Situationen.

Kultur kann auch ein Gefühl der Erleichterung schaffen, fast wie Normalität in einer Situation, die die meisten Menschen entsetzen würde. Kulturelle Erfahrungen spielen zudem eine wichtige Rolle im Heilungsprozess von Menschen, sowohl für Militärangehörige als auch für Zivilist*innen. Kulturelle Institutionen haben in der ukrainischen Gesellschaft eine neue Rolle übernommen – nicht nur als Hüterinnen des Erbes, sondern auch als Orte für Bürger*innen, durch zeitgenössische Ausstellungen, geöffnete Archive und Möglichkeiten für Menschen, sich zu treffen und gemeinsam etwas zu erleben.

Ein weiteres Beispiel ist die bewusste Entscheidung der meisten Ukrainer*innen, sich auf besondere Weise zu vereinen: nur noch Ukrainisch statt Russisch zu sprechen. Es ist ein tiefgreifendes Statement, das sowohl Widerstand als auch Resilienz markiert und die Verbindung zwischen Einzelnen – und damit den Zusammenhalt in der Gesellschaft – stärkt. In Schweden wäre dieses Beispiel vielleicht nicht direkt übertragbar, aber die Lehre, die wir aus der Ukraine ziehen können, ist: Die eigentliche Stärke einer Gesellschaft muss sowohl von Einzelnen als auch von der Zivilgesellschaft gemeinsam mit dem öffentlichen und privaten Sektor aufgebaut werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch etwas zum Thema Normalität erwähnen: Es ist wichtig, so weit wie möglich sicherzustellen, dass alltägliche Notwendigkeiten nach einem Angriff wiederhergestellt werden. Kommunikationssysteme, Heizung, Wohnraum und so weiter – alles, was wir Menschen zum Überleben brauchen, um daran zu glauben, dass wir diese schreckliche Zeit tatsächlich überstehen können. Strategische Kommunikation hat sich als absolut entscheidend erwiesen, um ein Verständnis der Lage zu schaffen – sowohl im Land selbst als auch, vielleicht noch mehr, außerhalb des Landes. Die Unterstützung, die der Westen geleistet hat und die ich als absolute moralische Verpflichtung ansehe, war und ist entscheidend für die Ukraine.

Technische Innovation und Erfindergeist haben offensichtlich eine große Rolle bei der Weiterentwicklung ukrainischer Verteidigungsfähigkeiten gespielt. Insgesamt sind die Leistungen der ukrainischen Bevölkerung, aus jeder Perspektive betrachtet, beeindruckend.

Im Zeitalter hybrider Kriegsführung ist Vertrauen zu einer der umkämpftesten Ressourcen geworden. Was macht eine kulturell resiliente, vertrauenswürdige Institution konkret anders?

Wenn Vertrauen vorhanden ist, wird es zu einem Ermöglicher von Kommunikation und Verständnis – absolut entscheidend für die Verteidigung unserer Demokratien und den Aufbau resilienter Gemeinschaften. Eine Institution, die Vertrauen genießt, sei es Regierung, Medien, Wissenschaft oder ein Museum, hat eine deutlich bessere Chance, mit Informationen durchzudringen und Verständnis sowie Engagement bei den Menschen und in der Gesellschaft als Ganzes zu schaffen.

Kultur ist eine ungezähmte Kraft, die eng mit dem Menschsein selbst verbunden ist. Gemeint ist unser Schaffen von Musik, Kunst, Theater, Film, Tanz, Literatur, Erinnerungen, Traditionen und so weiter – Ausdrucksformen und Erfahrungen, die Zeit und Raum überdauern. In einem Krieg wird genau das angegriffen. Wir müssen unser Recht auf unser eigenes kulturelles Erbe und unsere Identität schützen. Gleichzeitig muss Kultur ein lebendiger Teil unseres Widerstands in den Prüfungen des Krieges sein. Das bedeutet: Wir müssen das kulturelle Erbe schützen, aber auch darüber nachdenken, wie unsere kulturellen Institutionen in einem Krieg arbeitsfähig bleiben. Denn wir werden Kultur mehr denn je brauchen in einer solchen Situation.