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Interview mit Dr. Kateryna Yeremieieva Wenn Lachen zur Waffe wird: Humor als Widerstand in der Ukraine

Ein Meme über die Krim-Brücke, ein Witz im Luftschutzraum, ein virales Bild von Putin als komplexbeladenem Kleinkriegsherrn: Seit 2022 ist der ukrainische Kriegshumor zu einem der sichtbarsten kulturellen Phänomene des russischen Angriffskriegs geworden. Doch was steckt psychologisch und gesellschaftlich dahinter? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Galgenhumor und Respektlosigkeit? Und welche Rolle kann Humor beim gesellschaftlichen Wiederaufbau spielen, wenn Rekonstruktionsdiskurse meist nur von Infrastruktur, Institutionen und Investitionen sprechen?

Porträt einer Frau

Dr. Kateryna Yeremieieva, Historikerin

Dr. Kateryna Yeremieieva, Historikerin

Diesen Fragen sind wir gemeinsam mit Dr. Kateryna Yeremieieva nachgegangen. Die Historikerin veröffentlichte 2018 die Monographie „To Beat Satire: Magazine Perets in the Socio-Cultural Milieu of Soviet Ukraine“ über politische Satire in der Sowjetukraine. An der Ludwig-Maximilians-Universität München forschte sie zunächst zu schwarzem Humor während des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und weitete ihre Forschung anschließend auf gesellschaftlich umstrittenen Humor in der Ukraine des 20. und 21. Jahrhunderts aus. Derzeit arbeitet sie an der Monographie „Humour Turbulence: From Soviet Satire to Wartime Memes in Ukraine“, die voraussichtlich 2027 erscheinen wird. Darüber hinaus ist sie Mitglied des Executive Board des Ukrainian Decolonial Studies Network und war 2026 URIS Fellow an der Universität Basel, wo sie zu Kommunikation, Ethik und Vigilanz in Osteuropa forschte und lehrte.

Bei „Humor vs. Fake“ verbinden wir Kompetenzvermittlung im Umgang mit Medien, Desinformation und Online-Inhalten mit Stand-up Comedy und spielerischem Lernen. 20 ukrainische Jugendliche aus Berlin nehmen in der zweiten Jahreshälfte 2026 an einem mehrwöchigen Trainingsprogramm teil und erarbeiten auf Basis ihrer Erfahrungen aus der eigenen Mediennutzung ein Stand-up-Comedy-Programm, das die Risiken von und den Umgang mit Desinformation, künstlicher Intelligenz und problematischen Online-Inhalten thematisiert. Die Abschlussveranstaltung findet im Oktober 2026 in Berlin statt.

Das Interview entstand im Rahmen unserer Kooperation mit der DW Akademie im Projekt „Humor vs. Fake“ und zeigt, warum Humor weit mehr ist als Zerstreuung: ein Instrument der Solidarität, der Deutung und möglicherweise der psychischen Erholung nach dem Krieg.

Das gekürzte Interview mit Dr. Kateryna Yeremieieva lesen Sie hier. Das vollständige Gespräch steht als PDF zum Download bereit:

Screenshot der ersten Seite eines Interviews

Das vollständige Interview mit Dr. Kateryna Yeremieieva

Dateityp PDF | Dateigröße 1 MB, Seiten 9 Seiten | Zugänglichkeit barrierefrei

Schwarzer Humor in Kriegszeiten polarisiert. Manche empfinden ihn als respektlos gegenüber den Opfern, andere als lebensnotwendig. Wie erklären Sie sich diese Spannung, und wo ziehen Sie als Forscherin die Grenze?

Schwarzer Humor kann während eines Krieges sehr gegensätzliche Reaktionen hervorrufen. Besonders in den ersten Monaten des russischen Angriffskriegs war er ausgesprochen präsent – nicht nur online, sondern auch in Nachrichtensendungen und in Äußerungen von Politiker*innen. Es entstand der Eindruck, als sei die Grenze zwischen humoristischer und nichthumoristischer Kommunikation vorübergehend verschwunden. Humor wurde zu einer beinahe universellen Form der Kommunikation, zu einem Ausdruck von Solidarität: Wer den ukrainischen Kriegshumor unterstützte, erkannte damit die Erfahrung dahinter als relevant an.

Ein Schibboleth ist ein sprachliches Erkennungsmerkmal, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder Region offenbart. Wer es nicht akzent- oder fehlerfrei ausspricht, wird als nicht zugehörig identifiziert.

Die Unterstützung oder Ablehnung dieses Humors wurde so zu einer Art Lackmustest für Zugehörigkeit. Ein anschauliches Beispiel sind die Memes über das Brot Palianytsia, dessen Aussprache in den ersten Kriegstagen als Schibboleth zur Erkennung von Saboteur*innen diente – und zugleich zum viralen Meme wurde.

Gleichzeitig gab es von Anfang an ungeschriebene Grenzen: Es gab praktisch keinen Humor über gefallene Soldat*innen oder das Leid von Menschen, die Besatzung, Beschuss oder den Verlust nahestehender Personen erlebt hatten. Ab Mitte 2023, als der Krieg zur Routine wurde, wurden Debatten darüber, worüber man lachen darf, sichtbarer – etwa im Streit um Witze über den Tod eines russischen Touristen, der 2023 in Ägypten von einem Hai getötet wurde. Solche öffentlichen Konflikte bezeichne ich als humour turbulence: Sie machen bestehende Normen sichtbar und verhandeln zugleich neu, wo die Grenzen des Zulässigen liegen.

Als Forscherin versuche ich, diese Diskussionen von außen zu betrachten, statt selbst zu entscheiden, welcher Humor zulässig ist. Für mich persönlich verläuft die Grenze dort, wo Humor dazu dient, andere zu demütigen oder zu beleidigen, während man sich mit der Formel „Das ist doch nur Humor“ der Verantwortung entzieht.

Ihr Forschungsprojekt beschreibt Humor als Bewältigungsstrategie in Momenten extremer Bedrohung. Welche Mechanismen stehen dahinter – und was unterscheidet den ukrainischen Kriegshumor seit 2022?

Ein Beispiel: Der Comedian und heutige Soldat Serhii Lipko trat ganz zu Beginn der Invasion in einem Luftschutzraum auf. Dahinter stehen psychologische Mechanismen, die etwa Rod Martin in seinem Standardwerk zur Psychologie des Humors beschrieben hat: Sogenannter Galgenhumor erlaubt es, sich einem angsteinflößenden Thema zuzuwenden und es vorübergehend in einen spielerischen, absurden Rahmen zu versetzen. Der Tod oder eine Gefahr wird so nicht mehr nur als unmittelbare Bedrohung wahrgenommen, sondern auch als Gegenstand der Interpretation – Humor schafft psychologische Distanz, ohne die Bedrohung selbst zu beseitigen.

Wichtig ist auch die kollektive Dimension: Gemeinsames Lachen bestätigt Zugehörigkeit und kann einen Ort wie einen Schutzraum vorübergehend von einem reinen Angstraum in einen Raum menschlicher Interaktion verwandeln. Humor kann zudem Ereignisse vorwegnehmen: Schon vor der tatsächlichen Beschädigung der Krim-Brücke 2022 kursierten Memes darüber – als es dann geschah, existierte bereits ein ganzes Repertoire humoristischer Szenarien, selbst der ukrainische Sicherheitsdienst scherzte offiziell mit.

Was den heutigen Fall von historischen Vergleichen unterscheidet, ist vor allem die digitale Umgebung: Der russisch-ukrainische Krieg gilt als einer der am umfassendsten dokumentierten Kriege überhaupt, und auch sein Humor wird in Echtzeit produziert, geteilt und mit neuen Bedeutungen versehen. Die Grenzen zwischen offiziellem und inoffiziellem Humor verschwimmen dabei – Witze erscheinen ebenso in behördlichen Mitteilungen wie in gewöhnlicher Nutzer*innen-Kommunikation. Humor wird so auch zu einem Mittel des Informationskriegs und zu einer international wiedererkennbaren kulturellen Marke.

Welche Bilder der Ukraine und der Ukrainer*innen transportiert der Humor des Krieges, und was hat sich seit dem 24. Februar 2022 verändert?

Nicht der gesamte ukrainische Humor ist für Außenstehende sichtbar oder verständlich – vieles zirkuliert in digitalen Gemeinschaften, die lokale Debatten und Vorgeschichten voraussetzen. Ein Beispiel ist das Meme über den Kyjiwer Berg Schtschekawyzja als Ort einer imaginären letzten Feier im Fall eines Atomschlags: International bekannt war der Kontext der russischen Atomdrohungen, das Meme selbst blieb ohne Kenntnis der lokalen Debatte aber unverständlich.

International sichtbar wird vor allem jener Humor, der sich auf bereits bekannte Nachrichten bezieht: Darstellungen Putins als komplexbeladener Diktator, Witze über plündernde russische Soldaten oder den Kontrast zwischen imperialen Ambitionen und realen Misserfolgen der russischen Armee. Dieser Humor vermittelt eine klare, mobilisierende Botschaft – Solidarität und die Fähigkeit des Kleineren, dem Größeren Widerstand zu leisten. Er entsteht dabei nicht nur spontan, sondern wird auch von professionellen Karikaturist*innen und Comedians gestaltet, was ihm hilft, sprachliche und kulturelle Grenzen zu überschreiten.

Verändert hat sich seit 2022 vor allem das Ausmaß: Die Traditionen des ukrainischen Kriegshumors reichen bis 2014 zurück, doch die digitale Umgebung sorgte dafür, dass seither wesentlich mehr Humor produziert wurde, der sich schneller verbreitete und sichtbarer wurde – innerhalb der Ukraine wie international.

Was können andere Gesellschaften, auch die deutsche, von dieser Form des Humors über Resilienz und kollektive Bewältigung lernen?

Humor lehrt nicht zwangsläufig etwas – er existiert einfach, wie Trauer und Angst auch. Was der ukrainische Kriegshumor aber zeigt, ist die Notwendigkeit, über das Geschehen nicht zu schweigen. Manchmal genügt es, ein Meme zu teilen, um zu zeigen: Dieser Witz spiegelt zumindest teilweise meine Angst oder Erschöpfung wider. Humor wird so zu einer Form des Zeugnisses – er macht Erfahrung sichtbar und teilbar, auch wenn einem die direkten Worte fehlen.

Er lehrt zudem Empathie: Man muss eine Kriegserfahrung nicht selbst gemacht haben, um durch das Verstehen und Mittragen eines Witzes die Bedeutung der dahinterliegenden Erfahrung anzuerkennen. Die wichtigste Lehre für andere Gesellschaften: Man sollte nicht erwarten, dass Menschen eine Krise auf eine einzig richtige Weise verarbeiten oder ausschließlich in ernsten Worten darüber sprechen. Lachen bedeutet nicht, die Tragödie zu leugnen – oft zeigt es im Gegenteil, dass ein Mensch noch emotional reagieren und sich einer vollständigen psychischen Erschöpfung widersetzen kann.

Wiederaufbau wird oft als physische und wirtschaftliche Aufgabe verstanden. Welche Rolle spielen kulturelle Ausdrucksformen wie Humor dabei, und warum sollte das in internationalen Rekonstruktionsdiskursen stärker mitgedacht werden?

Humor entsteht meist spontan – man kann ihn kaum im Voraus planen oder als eigenständigen Rehabilitationsmechanismus in Wiederaufbauprogramme integrieren. Was man aber unterstützen kann, sind die kulturellen Genres, die sich während des Krieges bereits entwickelt haben und Menschen heute schon bei der Verarbeitung helfen – allen voran die ukrainische Stand-up-Comedy mit Comedians wie Serhii Lipko, Anton Tymoshenko, Vasyl Baidak oder Nastia Zukhvala.

Ich bin überzeugt, dass Humor der Gesellschaft nach dem Krieg nicht nur bei der psychischen Erholung helfen wird, sondern auch dabei, wieder reinere Freude zu empfinden und gleichzeitig die Erinnerung an das Geschehene lebendig zu halten. Er kann eine Sprache werden für Emotionen, die während des Krieges zugunsten von Mobilisierung und Überleben unterdrückt werden mussten. Das wird kein einfacher Prozess – Humor nach dem Krieg kann auch Konflikte um Erinnerung, Verantwortung und die Grenzen des Zulässigen hervorrufen. Aber auch diese Auseinandersetzungen sind Teil des gesellschaftlichen Wiederaufbaus: Durch sie verhandelt eine Gesellschaft, wie sie sich erinnern und mit den Folgen des Krieges leben will.

Internationale Debatten über den Wiederaufbau sollten sich deshalb nicht auf Infrastruktur, Institutionen und Investitionen beschränken. Eine Gesellschaft erholt sich auch durch Kultur und die Möglichkeit, komplexe Emotionen auszudrücken. Man kann keinen Entwicklungsplan für Humor erstellen – man kann aber die Bedingungen unterstützen, unter denen er als Form der Verarbeitung und psychologischen Erholung weiterbestehen kann.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Das vollständige Gespräch steht hier als PDF zum Download bereit:

Screenshot der ersten Seite eines Interviews

Das vollständige Interview mit Dr. Kateryna Yeremieieva

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