Plattform Wiederaufbau Ukraine

Hohe Kriegsschäden und Wiederaufbaukosten durch russischen Angriffskrieg Spotlight on: Das fünfte Ukraine Rapid Damage and Needs Assessment (RDNA5)

Wie groß sind die Kriegsschäden, die der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bislang verursacht hat? Und wie viel wird der Wiederaufbau zum jetzigen Zeitpunkt kosten? Diese und weitere Fragen beantwortete Jun Rentschler, Senior Economist der Weltbank, in unserer Veranstaltung zum fünften Ukraine Rapid Damage and Needs Assessment (RDNA5).

Hier finden Sie die Aufzeichnung des Spotlight on Das fünfte Ukraine Rapid Damage and Needs Assessment (RDNA5) (Externer Link)

Hier finden Sie den RDNA5-Bericht: Updated Ukraine Recovery and Reconstruction Needs Assessment Released (Externer Link)

Beim RDNA5 handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Weltbank, der ukrainischen Regierung, der EU-Kommission und der Vereinten Nationen.

Jun Rentschler betont die enge Kooperation zwischen allen involvierten Partner*innen und hebt auch die außerordentlichen Anstrengungen der ukrainischen Regierung hervor: „Unsere Partner in der ukrainischen Regierung führten unzählige Telefonate mit uns aus Bunkern. Während aktiver Angriffe und Stromausfälle arbeiteten sie unter diesen schweren Bedingungen daran, Daten bereitzustellen, Annahmen zu validieren und diese Arbeit insgesamt zu steuern“.
Diese Unterstützung ermöglichte es laut Rentschler den Autor*innen, die Auswirkungen des Krieges vom Beginn der Invasion im Februar 2022 bis zum 31. Dezember 2025 zu erfassen und in den nun vorliegenden Bericht zu gießen.

Direkte Kriegsschäden bei fast 200 Milliarden US-Dollar

Jun Rentschler berichtet, dass sich die direkten Kriegsschäden in der Ukraine Ende 2025 auf rund 195 Milliarden US-Dollar beliefen, ein Anstieg von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahresbericht (RDNA4).

Der Bericht zeigt, dass die Schäden weiterhin stark konzentriert sind – sowohl sektoral als auch regional. So summieren sich die Schäden in den vier Sektoren Wohnen (61 Mrd. USD), Transport (40 Mrd. USD), Energie (25 Mrd. USD) und Industrie (20 Mrd. USD) auf zusammen 75 Prozent der Gesamtschäden. Neben der blanken Zerstörung von Infrastruktur zeigen sich laut Jun Rentschler durch die anhaltenden Angriffe Russlands auch gravierende humanitäre und soziale Folgen. So sind sechs Millionen Menschen ins Ausland geflohen und knapp fünf Millionen innerhalb des Landes vertrieben. Auch dadurch sei die Armutsquote in der Ukraine massiv angestiegen und hätte im Jahr 2025 knapp 37 Prozent erreicht.

Was die geografische Verteilung der Schäden angeht, bleibt es bei der Feststellung in den vorangegangenen RDNA-Berichten: Die Frontregionen sowie die wichtigsten Ballungsräume – darunter die Stadt und Oblast Kyjiw Kyjiw – sind am stärksten betroffen und machen etwa 75 % der Gesamtschäden aus. Im neuen RDNA-Bericht wird auch gesondert auf die Situation in der Stadt Kyjiw geschaut: So ist laut Rentschler ein Anstieg der Schäden in der ukrainischen Hauptstadt um 50 Prozent seit dem RDNA4 von 2025 zu beobachten.

Kosten für den Wiederaufbau und „Building back better

Die für den Wiederaufbau in den kommenden zehn Jahren benötigten Mittel beziffert das RDNA5 auf insgesamt 588 Milliarden US-Dollar. Jun Rentschler erklärt den Teilnehmenden die Komplexität dieser Aufgabe: „Die Größenordnung dieser Bedarfe, also 588 Milliarden, unterstreicht wirklich, warum es so wichtig ist, nicht nur über die Finanzierung nachzudenken, sondern auch darüber, wie wir Prioritäten setzen, Abläufe festlegen und Partner in diesen Wiederaufbauprozess einbinden.“
Für das laufende Jahr 2026 definiert der Bericht die dringendsten Prioritäten mit einem Finanzierungsbedarf von gut 15 Milliarden US-Dollar. Diese kurzfristigen Maßnahmen umfassten zwei Bereiche: Einerseits stünden Kapitalinvestitionen in die Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen im Fokus, andererseits ginge es auch um finanzielle Unterstützungsmechanismen und Sozialhilfeprogramme für gefährdete Haushalte, Unternehmen und Gemeinden. Da bisher nur etwa 6 Milliarden gesichert sind, klafft allein für dieses Jahr noch eine Finanzierungslücke von 9,5 Milliarden US-Dollar.

Ein zentraler Bestandteil dieser Bedarfe ist das Prinzip des „Building back better“. Anstatt frühere Standards wiederherzustellen, soll die Ukraine moderner, effizienter und im Einklang mit EU-Richtlinien wiederaufgebaut werden.
Beim Wiederaufbau gehe es laut Jun Rentschler um weitaus mehr als nur um Beton und Stahl: „Die Strategie für den Wiederaufbau besteht nicht nur darin, beschädigte Vermögenswerte zu ersetzen, sondern vielmehr darin, Systeme zu entwickeln, die Wachstum generieren und Arbeitsplätze schaffen können. Außerdem soll der Wiederaufbauprozess zu einem wichtigen Bestandteil des Prozesses der Angleichung an die EU und des EU-Beitritts werden“.
Dazu betont er drei Kernaspekte des Wiederaufbauprozesses: den Einbezug des privaten Sektors, soziale Nachhaltigkeit und einen gebietsbezogenen Ansatz.

Lebhafter Austausch in der Fragerunde

Den Abschluss der Veranstaltung bildet ein von Karen Losse (Sekretariat der Plattform Wiederaufbau Ukraine) moderierter Austausch. Auf die Frage, wie sich der methodische Unterschied zwischen „Schäden“ (Damage) und „Bedarfen“ (Needs) erkläre, entgegnet Jun Rentschler, dass die Schadenssumme rein den Wert des Zerstörten abbilde. Die Summe des Wiederaufbaubedarfs fiele naturgemäß höher aus, da hier Aspekte wie die Trümmerbeseitigung und die höheren Kosten für moderne Technologien („Building back better“) hineinspielten.

Eine weitere Frage bezieht sich auf die Einbettung des RDNA5 in übergeordnete Strategien wie einen nationalen Post-Konflikt-Wirtschaftsplan oder IWF-Reformprogramme. Jun Rentschler erklärt, dass das RDNA primär eine Bestandsaufnahme der Schäden und Bedarfe sei und keinen vollumfänglichen Wachstumsplan für das Land ersetze. Es diene vielmehr als essenzielle Datengrundlage, auf der die internationale Gemeinschaft und die Regierung künftige Unterstützung und Reformprogramme aufbauen könne.

Alle gestellten Fragen und die ausführlichen Antworten des Weltbank-Experten können Sie sich in der oben verlinkten Videoaufzeichnung ansehen.

Zitat Jun Rentschler (Weltbank)
Zitat Jun Rentschler (Weltbank)
Zitat Jun Rentschler (Weltbank)
Zitat Jun Rentschler (Weltbank)
Zitat Jun Rentschler (Weltbank)
Zitat Jun Rentschler (Weltbank)