Städtischer und kommunaler Wiederaufbau Städte und Regionen im Fokus: Odesa
Es lohnt auch mit Blick auf den Wiederaufbau des Landes, sich mit den einzelnen
Städten und Regionen genauer auseinanderzusetzen. In dieser Veranstaltung auf der Agenda:
Odesa.
Moderatorin Victoria Godik, CEO der ukrainischen NGO Energy Country (Externer Link), gab die Richtung vor: „Der Wiederaufbau findet bereits statt. Es handelt sich dabei nicht um eine künftige Phase.“
Odesa als Wirtschafts- und Logistikdrehscheibe
Valentyn Bogaichuk von der Regional Development Agency of Odesa Region (RDAOD) (Externer Link) skizzierte die strategische Bedeutung der Region: Mit 2,5 Millionen Einwohner*innen und 91 Gemeinden ist Odesa eine der bevölkerungsreichsten Oblasten der Ukraine, hinsichtlich ihrer Fläche sogar die größte. Die Agentur versteht sich als Brücke zwischen Investor*innen, Kommunen und internationalem Kapital. Man nehme bereits an europäischen grenzüberschreitenden Programmen teil und bereite weitere Bewerbungen für Horizon-Projekte vor.
Mit Unterstützung aus der Schweiz werden multilinguale Plattformen, regionale Cluster und touristische Innovationszentren entwickelt. Die Botschaft von Bogaichuk an potenzielle Partner*innen wurde klar: „Wir repräsentieren alle Gemeinden. Wer Interesse hat, sollte zuerst zu uns kommen.“
Energieinfrastruktur: Dringend und zukunftsweisend
Sergiy Leivikov, Geschäftsführer einer Gruppe von Ingenieurbetrieben und Vertreter des Ukrainischen Unternehmerverbands (Externer Link), präsentierte ein breites Spektrum an Investitionsprojekten in den Bereichen Energie und Versorgungsinfrastruktur. Von dezentralen Heizkraftwerken über Kläranlagen bis zu Solar-, Wind- und Geothermie-Anlagen: Die Bedarfe sind real, die Rahmenbedingungen – etwa durch ukrainische Energiedienstleistungsverträge – inzwischen ausgereift.
Besonders hob er Biogasanlagen vor, die landwirtschaftliche Abfälle der Region nutzen, sowie Bewässerungssysteme als Investitionsmöglichkeiten mit klarem Ertragspotenzial.
„Odesa ist eine der größten ukrainischen Oblasten für Solar- und Windenergie“, betonte Leivikov. Viele dieser Projekte könnten nicht nur als humanitäre Hilfe, sondern als echte Geschäftsmöglichkeiten realisiert werden.
Oleksandr Cherniavskyi von Siemens (Externer Link) ergänzte die technische Perspektive: Das Unternehmen unterstützt heute mit SCADA-Systemen, Wasserinfrastruktur und Leckage-Erkennung. Im Süden der Ukraine sei Wasser doppelt so teuer wie anderswo im Land – effiziente Systeme seien deshalb keine Kür, sondern Notwendigkeit.
Stadtentwicklung und Innovation
Yan Shapiro, Gründer von U-Nation (Externer Link), stellte das Innovationsökosystem vor, das seine Organisation in Odesa aufbaut. Seit einem internationalen Start-up-Accelerator 2024 und der Vernetzung mit deutschen Investor*innen aus der Berlin-Brandenburg-Business-Angels-Gemeinschaft wachse das Netzwerk stetig. Ein konkretes Ergebnis: ein gemeinsam mit KPMG und der Regional Development Agency of Odesa Region (RDAOD) entwickelter Business Navigator für die Region Odesa, der deutschen Unternehmen wirtschaftliche Möglichkeiten aufzeigt.
Artem Kasparian vom Architekturbüro Urban Buro (Externer Link) und Co-Gründer der NGO City of the Future präsentierte das Projekt „Resilient City“: eine fundierte Dokumentation, wie Odesa unter Dauerbeschuss funktionsfähig bleibt. Die Analysen – gemeinsam mit dem Stadtrat, weiteren kommunalen Stellen und der Odesa Building Academy – erfassen, wie Infrastruktur auf Raketen- und Drohnenangriffe reagiert und wie öffentliche Alarmierungssysteme optimiert werden können.
„Dieses Wissen kann für europäische Städte nützlich sein“, so Kasparian. Mehrere europäische Kommunen arbeiten bereits mit dem Projekt zusammen.
Eduard Singer von Neusinger.ai (Externer Link) stellte ein KI-gestütztes Planungsinstrument vor, das städtische Wiederaufbauprozesse von Monaten auf Tage verkürzen soll. Das Instrument analysiert Stadtstrukturen und identifiziert dabei Handlungsfelder. Eine Pilotstudie für Odesa ist bereits abgeschlossen.
Städtepartnerschaften: Solidarität mit langer Geschichte
Besonders präsent waren an diesem Tag die vielfältigen Städtepartnerschaften zwischen deutschen und ukrainischen Kommunen. Sie reichen von langjährigen Beziehungen bis zu jungen, aber bereits aktiven Kooperationen.
Die Partnerschaft zwischen Bremen und der Oblast Odesa (Externer Link), 2023 durch eine gemeinsame Erklärung besiegelt, umfasst humanitäre Hilfe, Stipendien und Kulturaustausch. Kateryna Marchenko aus der Oblast-Verwaltung betonte das horizontale Modell der Zusammenarbeit: „Schulen arbeiten mit Schulen, NGOs kooperieren mit NGOs, und Kulturgemeinschaften aus beiden Regionen organisieren gemeinsame Veranstaltungen.“
Dr. Annette Lang von der Bremer Senatskanzlei benannte dabei auch gewisse Herausforderungen: Ressourcen – personell wie finanziell – seien das zentrale Problem. Ohne Stiftungen wie Solidarität Ukraine und europäische Freiwillige wäre Vieles nicht möglich. Ihr Appell: mehr Wirtschaft in die Partnerschaften einbeziehen.
Die Hansestadt Wismar und Tschornomorsk (Externer Link), Schwarzmeerstadt mit einem der größten Häfen der Ukraine, verbindet eine 2023 offiziell begründete Partnerschaft. Benjamin Leers schilderte detailliert den aufwändigen, aber letztlich erfolgreichen Weg Wismars zur Lieferung eines barrierefreien Schulbusses – finanziert über den Kleinstprojektefonds von Engagement Global und organisiert durch eine Spendenkampagne. „Es war zeitintensiv, aber es hat funktioniert.“ Kurz darauf folgte sogar ein zweites Projekt: mobile Schutzunterkünfte für den Strand, die gerade fertiggestellt worden sind.
Regensburg und Odesa (Externer Link)pflegen ihre Partnerschaft seit 1990 und damit seit über 35 Jahren. Anja Rammensee-Kink berichtete über das breite Spektrum dieser Erfolgsgeschichte: Kinderkonzerte, digitale Schüleraustausche, UNESCO-Welterbedialog und ein laufendes Traumatherapieprojekt, das seit 2013 Fachkräfte in der Ukraine ausbildet. „Odesa ist sehr interessiert daran, die Zusammenarbeit weiterzuentwickeln – nicht nur in Krisenmanagement und humanitärer Hilfe.“
Heidelberg – ebenfalls Welterbestädte-Partnerin (Externer Link)– hat ihre Kooperation 2025 offiziell begründet, knüpft aber an frühere Kontakte an. Emilie Gleßmann berichtete von Feuerwehrfahrzeugen, Erste-Hilfe-Sets, einem „Tag Odesas“ als Kulturfest sowie einer aktuellen Ausstellung mit geretteten Gemäldeschätzen aus Odesa.
Ulm (Externer Link) schließlich setzt auf intergenerationelle Dialogformate: Carmen Stadelhofer sprach über Tandems zwischen ukrainischen Schüler*innen und deutschen Senior*innen, die sich wöchentlich per Zoom treffen. Das Projekt wachse stetig und vernetze nun auch andere Städte wie Charkiw und Kyjiw.
Mainz, Partnerstadt von Odesa (Externer Link) seit 2024/2025, fokussiert sich auf Soforthilfe: Generatoren, Feuerwehrfahrzeuge, und im Juli ein Ferienlager für Kinder gefallener Soldat*innen. Das Fazit von Felix Schmidtke: Odesa ist groß genug für mehrere deutsche Partnerschaften gleichzeitig – zusammengerechnet hätten alle deutschen Partnerkommunen weniger Einwohner*innen als die Stadt am Schwarzen Meer.
Zivilgesellschaft, Kultur und soziale Unterstützung
German Moyzhes von der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel e.V. (Externer Link) Berlin stellte ein Digitalisierungsprojekt für ein kleines Holocaust-Museum in Odesa vor, das in Kooperation mit dem Blavatnik Archive aus den USA Briefe und Fotografien von Überlebenden sichert und zugänglich macht. Freiwillige aus Deutschland könnten sich beteiligen.
Kateryna Rebrova (Externer Link) vom St. Paul‘s Rehabilitation Center berichtete über psychosoziale Unterstützung für Kriegsbetroffene, Traumatherapie und Rehabilitationsprogramme für Veteranenfamilien – in enger Zusammenarbeit mit Regensburg und Bremen.
Martin Salzer von ERMSTAL HILFT e.V. (Externer Link) aus Baden-Württemberg beschrieb seine Organisation als praktische Mittlerin für humanitäre Konvois: Von Feuerwehrfahrzeugen über medizinische Ausstattung bis zu Delegationsreisen – der Verein begleite den gesamten Prozess von der Zollabwicklung bis zur Übergabe vor Ort. Sein Appell an deutsche Kommunen: „Wenn Sie ein Fahrzeug haben, das nicht mehr benötigt wird, aber noch funktioniert – sprechen Sie mit uns.“
Ausblick: Vernetzung als Grundlage des Wiederaufbaus
Die Veranstaltung machte deutlich, wie vielschichtig die Zusammenarbeit mit Odesa bereits ist – und wie viel Potenzial noch gehoben werden kann. Marta Pastukh vom Sekretariat der Plattform Wiederaufbau Ukraine kündigte konkrete Folgemaßnahmen an: eine Kartierung aller in der Region aktiven Organisationen – die Teilnahme daran ist selbstverständlich freiwillig – sowie zielgerichtete Vernetzungsformate zu Themen wie Energie, Stadtentwicklung und Kultur.
Odesa steht exemplarisch für eine Stadt, die unter extremem Druck handlungsfähig bleibt. Gleichzeitig zeigen die deutsch-ukrainischen Partnerschaften: Solidarität ist mehr als Symbolik. Sie verbindet kurzfristige Hilfe mit langfristiger Zusammenarbeit – und schafft Netzwerke, die über den Tag hinaus tragen.