Nachhaltiger Wiederaufbau Menschen und Natur in der Ukraine schützen: Umweltprioritäten in Krieg und Wiederaufbau
Die Gleichzeitigkeit von Bedrohung und Handlungsfähigkeit prägte die erste Fachveranstaltung unserer neuen gemeinsamen Veranstaltungsreihe mit der Build Ukraine Back Better (BUBB) Platform. Das Thema: Umweltschutz und grüner Wiederaufbau in der Ukraine.
Moderatorin Anna Ackermann (BUBB) gab die Richtung vor: Man wolle über die großen Zahlen hinausgehen – „hinein in echte Feldbeobachtungen und gelebte Erfahrungen von Gemeinden und Umweltfachleuten.“
Vier Phasen: Wie sich die Umweltpolitik seit 2022 verändert hat
Nataliya Andrusevych vom Think Tank Society and Environment (Externer Link) präsentierte eine noch unveröffentlichte Analyse, die die ukrainische Umweltpolitik nicht als Aneinanderreihung von Einzelentscheidungen, sondern als System in Transformation begreift. Dabei identifizierte sie vier deutlich voneinander abgrenzbare Phasen seit Beginn der Vollinvasion.
Die erste Phase – Schock und Pause – prägte das Frühjahr 2022: Institutionen arbeiteten im Krisenmodus, Umweltthemen rückten an den Rand. Es folgten Phasen der deklarativen Erholung ohne systemische Verankerung, der projektbasierten Fragmentierung durch internationale Partner*innen sowie – ab 2025 – eine zunehmende Ausrichtung an den EU-Beitrittserfordernissen. Letzteres schaffe eine wichtige Dynamik, berge laut Andrusevych aber auch Risiken: „Mechanische Annäherung ohne klare Artikulation eigener Prioritäten der Ukraine.“
Drei übergreifende Trends benannte die Forscherin dabei: die Unterbrechung des klassischen Politikzyklus, eine Verschiebung des Umweltverständnisses hin zu einem Instrument für wirtschaftlichen Wiederaufbau und EU-Integration – weg von einem eigenständigen Wert – sowie eine fortschreitende Projektierung der Umweltpolitik durch internationale Geber*innen. Ihr Fazit: „Die Ukraine hat keine fehlenden Umweltaktivitäten, aber ein unzureichend kohärentes Umweltpolitiksystem.“
Nataliya Andrusevych: „Der Krieg hat die Umweltfragen im politischen und öffentlichen Diskurs grundlegend verändert. Der Umweltschutz wird nicht mehr als eigenständiges politisches Ziel oder Wert, sondern zunehmend im Zusammenhang mit anderen Prioritäten wie Sicherheit, Wiederaufbau und Finanzierung betrachtet.“
Besonders kritisch bewertete sie die Auflösung des eigenständigen Umweltministeriums. Dessen Aufgaben sind nun ins Wirtschaftsministerium integriert – eine institutionelle Entscheidung, die von den Beteiligten als ernste Herausforderung für den Umweltschutz gewertet wird.
Biodiversität unter Beschuss: Verluste und Chancen
Anastasiya Drapaliuk: „Die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt ist ein langwieriger und kostspieliger Prozess. In manchen Fällen ist sie gar nicht möglich. Daher ist die Berücksichtigung des Schutzes der biologischen Vielfalt bereits in den frühen Phasen des Wiederaufbauprozesses und des EU-Beitritts eine Investition in die Zukunft sowohl der Ukraine als auch der Europäischen Union.“
Anastasiya Drapaliuk, Direktorin des Nature Fund of Ukraine (Externer Link) und Vertreterin der Ukrainian Nature Conservation Group (Externer Link), sprach über die konkreten ökologischen Folgen des Krieges. Das schlimmste Einzelereignis, so Drapaliuk, sei die Zerstörung des Kachowka-Staudamms gewesen: Millionen Hektar Land in mehreren Regionen sowie weite Teile des Schwarzen Meeres seien davon betroffen. Wie viele bestäubende Insekten in dieser Zeit gestorben seien, lasse sich kaum beziffern. „Wie berechnet man die Zahl der Schmetterlinge, die diese Zeit nicht überlebt haben?“
Und doch zeigt die Natur Resilienz: In den überfluteten Gebieten habe sich – wo Monitoring noch möglich war – eine Regeneration beobachten lassen. Drapaliuk plädierte in ihrem Vortrag dafür, dieses möglicherweise größte natürliche Regenerationsgebiet Europas nicht einfach wieder zu bebauen, sondern seine ökologische Entwicklung zu schützen: „Vielleicht brauchen wir den Staudamm dort nicht wieder aufzubauen – oder wenn doch, dann auf andere Weise.“
Schwer betroffen seien auch die Steppengebiete im Osten der Ukraine – Lebensraum von europäischer Einzigartigkeit, der tagtäglich weiter zerstört werde. Monitoring in diesen Kampfgebieten sei derzeit laut Drapaliuk unmöglich. Dennoch sammeln Wissenschaftler*innen bereits Daten und Erfahrungen aus sichereren Regionen, um Wiederherstellungsmaßnahmen vorzubereiten.
Einen unerwarteten Lichtblick bringe der Krieg paradoxerweise mit sich: Wirtschaftliche Aktivitäten, die zuvor wertvolle Biotope unter Druck setzten, seien vielfach zum Erliegen gekommen. Für Drapaliuk eröffne das eine historische Chance: „Vor dem Krieg war das unmöglich – die Wirtschaft wollte nicht mit uns zusammenarbeiten, um ein Gebiet zu schützen. Jetzt ergibt sich für uns diese Gelegenheit.“
311 Millionen Tonnen CO₂: Der Krieg als Klimaproblem
Lennard De Klerk: „Krieg und Klimawandel verstärken sich gegenseitig, wie es in den letzten zwei Jahren in den ukrainischen Wäldern der Fall war.“
Lennard de Klerk, Hauptautor der Initiative on Greenhouse Gas Accounting of War (Externer Link), legte in seinem Input die globale Klimadimension des Krieges offen. Sein Team hat seit Beginn der Vollinvasion die kriegsbedingten Treibhausgasemissionen akribisch erfasst. Das Ergebnis: 311 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente – vergleichbar mit den jährlichen Emissionen Frankreichs oder der Hälfte Deutschlands.
Die Kernbotschaft seiner Arbeit: Der durch den russischen Angriffskrieg angerichtete Schaden endet nicht an der ukrainischen Grenze. „Dieser Krieg könnte eine Überschwemmung in Bangladesch verursachen oder einen Tornado in den USA.“ Mit diesen Informationen will de Klerk Verbündete im Globalen Süden gewinnen – Staaten, die von den Folgen des Klimawandels am stärksten betroffen sind und für die das Thema entsprechend politisch aufgeladen ist.
Eine Überraschung merkte er an der Stelle an: Ein Viertel der prognostizierten Emissionen entfalle nicht auf den Krieg selbst, sondern auf den künftigen Wiederaufbau – vor allem durch die kohlenstoffintensive Produktion von Beton und Stahl. Sein Plädoyer: Nicht nur die Nutzungsphase von Gebäuden energieeffizient gestalten, sondern bereits in der Bauphase auf Alternativen setzen. Trümmerbeton könne aufbereitet und als neuer Baustoff genutzt werden – statt ihn bloß als Auffüllung zu verwenden.
Darüber hinaus arbeite sein Team an einer wegweisenden Klage: Erstmals soll mit Russland ein Staat für kriegsbedingte Treibhausgasemissionen zur Rechenschaft gezogen werden und zwar über den Schadensregistrierungsmechanismus des Europarates. „Wenn ein solcher Beschluss zustande käme, wäre es das erste Mal überhaupt, dass ein Staat für das Emittieren von Treibhausgasen verantwortlich gemacht wird.“
GIZ: Grüne Kriterien in die Praxis bringen
André Fabian vom Energie- und Klimacluster der GIZ GmbH (Externer Link) in der Ukraine berichtete über die laufenden Aktivitäten seiner Organisation. Die GIZ arbeitet als Durchführungsorganisation unter anderem im Auftrag der Bundesregierung sowie der Europäischen Union.
Ein laufendes Programm werde gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank (EIB) umgesetzt, um die technische Unterstützung für Investitionen in die ukrainische Infrastruktur bereitzustellen – bislang vor allem im Wassersektor, nun auch im Gebäudesektor. Gemeinsam mit der ukrainischen NGO Roskvit und dem deutschen Thinktank Bauhaus Earth sei eine Konzeptstudie zur klimafreundlichen Sanierung von Mehrfamilienhäusern entstanden, die sowohl die Betriebs- als auch die Bauphase berücksichtige.
Fabian benannte vier Punkte, die ihm im Wiederaufbaudiskurs wichtig erschienen: die Stärkung von Raumplanung und Umweltverträglichkeitsprüfungen; die klimaresilientere Gestaltung neuer Infrastrukturen; die Verankerung von Naturpositivität in Infrastrukturinvestitionen; sowie eine Bestandsaufnahme der größten Biodiversitätslücken, um fundierte Projektvorschläge für internationale Geber zu entwickeln.
Sein übergeordnetes Plädoyer: Es gelte nicht, die fossile Wirtschaft von gestern wiederherzustellen, sondern eine moderne, in gesunde Ökosysteme eingebettete Wirtschaft aufzubauen. Ohne intakte Biosphäre, so Fabian, sei langfristig keine funktionierende Wirtschaft möglich.
André Fabian: „Eine intakte Umwelt ist für nachhaltigen Wohlstand unverzichtbar. Der Wiederaufbau der Ukraine bietet die Chance, einen kohlenstoffarmen, klimaresilienten und naturverträglichen Wiederaufbau zu gestalten und damit den Übergang zu einer modernen Wirtschaft innerhalb der im EU-Green Deal festgelegten planetarischen Grenzen voranzutreiben.“
Institutionelle Kapazität: Der entscheidende Engpass
Ein Thema zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Diskussion: die fehlende institutionelle Kapazität. Anastasiia Drapaliuk machte diese mit konkreten Zahlen greifbar: In der Ukraine befassten sich auf Regierungsebene etwa 20 Personen mit Schutzgebieten und Biodiversität. In der Tschechischen Republik seien es rund 800, in Frankreich etwa 3.000, in Deutschland rund 600 – und das bei einem Staatsgebiet, das deutlich kleiner ist als das der Ukraine.
„Ohne Menschen, die im System arbeiten, ist es unmöglich, europäische Gesetzgebung umzusetzen – und unmöglich, die Natur zu schützen“, betonte Drapaliuk. Die Forderung ihrer Organisation und vieler ukrainischer Umwelt-NGOs wurde deutlich: ein eigenständiger staatlicher Körper für Biodiversitätsfragen müsse etabliert werden.
Nataliya Andrusevych ergänzte die Diskussion noch um ein weitere Perspektive: Die EU-Integration sei für die Entwicklung der ukrainischen Umweltpolitik von zentraler Bedeutung – heute und künftig noch mehr. Die Ukraine habe die Benchmarks für Kapitel 27 (Umwelt und Klimawandel) erhalten und erwarte nun konkrete Rückmeldungen der Europäischen Kommission. Der EU-Beitritt sei ein starker Treiber für Umweltreformen, so Andrusevych.
Zivilgesellschaft als tragende Säule
Bemerkenswert war die Einigkeit aller Beteiligten über die Bedeutung der ukrainischen Zivilgesellschaft. Fabian, der auch in anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion gearbeitet hat, hob hervor: „In der Ukraine ist das wirklich ein Asset – dieses Netzwerk ist einzigartig.“
Die Ukrainian Nature Conservation Group und der Nature Fund of Ukraine, der seit 2023 aktiv ist, unterstützten laut Anastasiia Drapaliuk heute elf Schutzgebiete direkt – mit Treibstoff, Fahrzeugen, Schulungen, Technologie. Rund 70 Prozent der verfügbaren Sachmittel in diesen Gebieten, jenseits der Gehälter, stammten inzwischen von Nichtregierungsorganisationen. „Natur zu schützen bedeutet: Menschen zu haben, die es täglich tun.“
Grüner Wiederaufbau: Chance statt Gegensatz
Die abschließende Diskussion kreiste um die Frage, ob die Ukraine auf einen schnellen, günstigen und fossil geprägten oder auf einen qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Wiederaufbau zusteuere. De Klerk verwies auf eine besondere Chance bei der Wiederaufforstung: Wälder, die im Krieg zerstört worden seien, könnten klimaresilienter und artenreicher neu bepflanzt werden als zuvor.
Fabian plädierte dafür, Umweltpolitik nicht als Regulierung, sondern als Marktchance zu verstehen. Ohne gesetzlichen Rahmen gebe es keinen wirtschaftlich rentablen Recyclingmarkt – auch in Europa sei dieser nur durch Regulierung entstanden. Wer Umweltstandards als Hindernis betrachte, denke kurzfristig. Natürliches Kapital sei ein ökonomischer Wert – der Schaden, es zu zerstören, müsse in Governance-Rahmen abgebildet werden.
Andrusevych wies schließlich noch auf eine wichtige, oft übersehene Ebene hin: die lokalen Gemeinden. „Wir müssen auch Hromadas und Städte einbeziehen.“ Seit 2024 können ukrainische Städte assoziierte Mitglieder des Green City Accord werden – ein Instrument, das konkrete Umweltverpflichtungen mit EU-Anforderungen verknüpft.
Die Botschaft des Abends war klar: Der ökologische Wiederaufbau der Ukraine ist keine Frage des Ob, sondern des Wie. Und die Weichen dafür müssen jetzt gestellt werden – mitten im Krieg, unter Luftalarm, mit engagierten Menschen auf beiden Seiten.
Ausblick: Fortsetzung der Veranstaltungsreihe
Die Veranstaltung ist die erste einer Reihe, die sich an den sechs Sektoren der Sustainable Recovery Road Map der Build Ukraine Back Better (BUBB) Platform orientiert – erarbeitet von über 70 Expert*innen. Über unseren Verteiler halten wir Sie zu kommenden Veranstaltungen auf dem Laufenden, melden Sie sich gern an: Kontakt | Plattform Wiederaufbau Ukraine (Externer Link)